Kap Hoorn Törn

Ein Törn ans südliche Ende der Welt

Interesse halber schrieb ich im Jahre 2003 einen deutschen Vercharterer an, der einen Törn rund Kap Hoorn im Angebot hatte.

Im Jahre 2004 buchte ich dann gemeinsam mit meinem Freund Ernst Aigner diesen Törn und am 10.2.2005 ging es endlich los.

Wir waren bis Ushuaia, der südlichsten Stadt in Argentinien, fast 26 Stunden unterwegs. Dann aber sahen wir zum ersten Mal die Santa Maria, eine Stahlyacht von fast 15 Meter Länge. Wir wurden herzlichst empfangen von Oswaldo, dem chilenischen Skipper. Der erste Eindruck war gleich eine schwer beschädigte Yacht am Steg. Auf unsere Frage wurde uns mitgeteilt, dass dieses Schiff erst wenige Stunden vor unserer Ankunft Ushuaia erreicht hatte. Es war nur Tage zuvor ca. 200sm vor Kap Hoorn in schwerem Wetter entmastet worden.

Nach einem gutes Abendessen in einem netten Lokal waren wir aber dann doch froh, trotz einer Temperatur von nur 5 Grad in die Kojen zu kommen.

Tags darauf legten wir gemeinsam mit dem Besitzer und seiner Familie ab und segelten über den Beagle Kanal von Ushuaia nach Port Williams, der definitiv südlichsten Stadt der Welt. In dieser verschlafen wirkenden Stadt klarierten wir dann bei der Behörde, vier Mann hoch, nach Chile ein. Mit einer Verspätung von einem Tag trafen schließlich auch die beiden restlichen Mitsegler aus Deutschland ein. Bereits eine Stunde später verließen wir Port Williams, nun auch mit Oliver, einem deutschen Aussteiger an Bord, und segelten bei gutem Wind und strahlendem Sonnenschein nach Port Torro, der aus nur 12 Häusern bestehenden südlichsten Ansiedlung der Welt. Am Abend kamen die von einem Fischer gekauften Centollas, die nur in dieser Gegend zu fangenden Riesenkrabben, auf den Tisch. Wir waren natürlich begeistert und hatten daher auch allen Grund, erstmals den in Argentinien zusätzlich gekauften Vino Tinto zu verkosten. Am nächsten Tag aber der erste Gruß von Kap Hoorn: Die chilenische Marine hatte alle Häfen wegen Starkwind gesperrt und so blieb uns eigentlich nur übrig, erstmals über den mindestens 10cm federnden Boden Feuerlands zu wandern.

Spät abends wurde dann die Sperre aufgehoben und wir brachen am nächsten Tag um 5 Uhr früh auf, um über die Bahia Nassau, ein relativ offenes Stück Meer, in den Wollaston Archipel zu kommen. Wir hatten prächtiges Wetter und Sonnenschein, segelten an der Isla Lennox vorbei und erreichten gegen Mittag die Insel Wollaston. Ursprünglich war geplant, einen Ankerplatz auf der Insel Hermite anzulaufen, doch meinte Oswaldo, unser Skipper, man darf eine derartige Gelegenheit in diesen Breiten nicht ungenützt verstreichen lassen und das gute Wetter muß in jedem Fall genützt werden. Gerade die Gegend um’s Kap ist ja wegen der plötzlich einsetzenden Starkwinde gefürchtet und so ließen wir Hermite an Steuerbord liegen und machten uns auf die letzten 15 Meilen bis Kap Hoorn. Das prächtige Wetter hielt, und so rundeten wir bei strahlendem Sonnenschein am 14. Feber um ca. 16 Uhr Kap Hoorn, das südliche Ende von Feuerland. Wir nützten natürlich auch auf Grund des guten Wetters die Gelegenheit, die Militärstation sowie den Leuchtturm, die kleine Kirche, sowie das für mich sehr berührende Denkmal für die unzähligen Schiffbrüchigen, die stilisierte Silhouette eines Albatros, zu besuchen. Ein Ehepaar lebt sehr einsam auf dieser Militärstation, es gibt auf diesem 400m hohen Felsen außer ein paar Sturmmöwen und natürlich dem Albatros, einem unvergleichlichen Flieger bei Starkwind, nichts zu sehen. Ernst und ich genossen bei einer guten Zigarre und einem Schnapserl die mystische Atmosphäre von Kap Hoorn. Wir hatten die Umrundung geschafft. Nach einer Viertelstunde der Ruhe und natürlich auch der Freude, die wir uns an diesem doch sehr exponierten Ort gönnten, mussten wir aber die Felsen hinuntersteigen und gelangten mit dem Beiboot gerade noch rechtzeitig zur Santa Maria. Innerhalb von ein paar Minuten hatte der Wind aufgefrischt und die See war weiß. Mit beiden Motoren ging es dann gegenan zum Ankerplatz auf der Insel Herschel. Um 10 Uhr abends und nach über 80 Meilen ankerten wir – zuerst der 60 kg schwere Stockanker, dann 20 Meter Kette und an diese wurde dann der 40 kg schwere CQR angeschäkelt. Dann wurden noch einmal 50 Meter Kette gesteckt. Trotz der fortgeschrittenen Zeit wurde von Oswaldo und Oli, der inzwischen wegen seiner „Rotweinschnoaza“ zum Captain Tinto mutierte, ein prächtiges argentinisches Steak serviert.

Nach den Mühen des „Anker auf“ ging es am nächsten Tag die Insel Hoste entlang, aber nicht sehr lange, denn der Wind hatte gewaltig zugelegt und so suchten wir Schutz in der Caleta Duck, einer bestens geschützten Bucht und nützten den Nachmittag, die Insel zu Fuß zu erkunden. Es ist erst etwas über einhundert Jahre her, dass an diesem Platz, wie wir einer Tafel entnehmen konnten, eine Expedition über ein Jahr verweilte.

Durch den Murray Kanal, der nur von Schiffen mit chilenischer Flagge befahren werden darf, erreichten wir schließlich wieder den Beagle Kanal in der Höhe von Ushuaia, bogen dann aber nach backbord ab und segelten westwärts in die stille Einsamkeit einer entlegenen Gebirgskette, der Darwin Range. Obwohl ich meine, bei meinen Reisen doch schon manch schöne Orte gesehen und besucht zu haben, die Darwin Range mit den ins Meer fließenden Gletschern gehört absolut zu dem Schönsten, das ich je auf meinen Reisen gesehen habe. Die Gletscher, die Italia, Francia, Alemagne sowie Romanche heißen, kommen von bis zu 2000m hohen Bergen und fließen direkt ins Meer. Nachdem wir an dieser phantastische Welt vorbeigefahren waren, sind wir vom Beagle Kanal nach steuerbord abgebogen und in die einsame Welt des Gletschers Pia gekommen. Auch dieser Gletscher fließt direkt ins Meer, die Besonderheit ist aber, dass er am Ende eines Fjordes liegt und das Eis, das immer wieder herunterbricht, diesen Fjord auf eine Länge von fast zwei km bedeckt. Wir sind mit der Santa Maria, einem Stahlschiff, im Schritttempo durch dieses Treibeis gefahren und haben zirka hundert Meter vor dem Gletscher an einer großen Eisscholle festgemacht. Nach einem "Whisky on the rocks" sind wir dann mit dem Beiboot direkt zum Gletscherabbruch gefahren und haben diese gewaltige Kulisse aus nächster Nähe betrachten dürfen.

Ein Wasserfall in der Nähe wurde dann von uns als Dusche umfunktioniert. Auch dies war für uns ein Erlebnis der besonderen Art, denn nackt bei 5 Grad unter einem Wasserfall zu stehen, war auch für Ernst und mich neu. Dafür haben wir an Bord der Santa Maria dann stundenlang nur mit dem T-Shirt das Auslangen gefunden.

Nachdem wir wieder in den Beagle Kanal zurückgefahren sind, war der neue Kurs dann ostwärts Richtung Ushuaia. Ein weiterer Liegetag wegen Starkwind - die chilenischen Behörden hatten wieder einmal die Häfen gesperrt, hat uns eher leicht geärgert, da wir der Meinung waren, dass wir trotz der 40 kn Wind Port Williams hätten erreichen können. So erhielten wir aber erst abends die Fahrerlaubnis und brachen auch sofort auf. Eine Gruppe von Seelöwen begleiteten uns für mindestens zwei Stunden und machten auch noch die letzen dreißig Meilen zu einem Erlebnis. Um 2 Uhr früh erreichten wir dann wieder Port Williams – der Kreis hatte sich geschlossen.

Im berühmten Yachtclub Micalvi stoßen wir dann mit mehreren Pisco sour auf die gelungene Umrundung von Kap Hoorn an. Wir hatten eine wunderschöne Reise, was aber noch wichtiger war, wir waren eine phantastische Truppe auf dem Törn rund ums Kap. Das Wetter hätte trotz mancher Tage mit Starkwind nicht besser sein können. Natürlich ist für uns die absolute Gefährlichkeit dieser Ecke auf diesem Törn nicht zu spüren gewesen, doch über 800 gesunkene Schiffe im diesem Gebiet geben Zeugnis von der Wildheit und Unberechenbarkeit rund um die Spitze Südamerikas.

Ein kurzer Schlag von 23 Meilen zurück nach Ushuaia beendete dann diesen Törn auch für Ernst und für mich. Unsere beiden Mitsegler, Jan und Heinz, sind bereits in Port Williams vom Schiff gegangen und nach Deutschland zurückgeflogen.

Ernst und ich flogen dann am nächsten Tag nach El Calafate, um den berühmten Perito Moreno Gletscher und tags darauf den Glaciar Uppsala zu besuchen. Beide Gletscher kalben in den Lago Argentino und sind mit einer Länge von bis zu 60 km, einer Breite von bis zu 10 km und einer bis zu 130 Meter hohen Abbruchkante das Beeindruckendste, das ich auf diesem Gebiet je gesehen habe. Wir waren mit einem Katamaran auf dem Lago Argentino unterwegs und sind auf der Fahrt zu den Gletschern an Eisbergen, die von weiß bis dunkelblau schillern, vorbeigefahren. Wir haben eine Landschaft gesehen, die wir ganz sicher nie mehr vergessen werden.

Einige Tage in Buenos Aires, der Hauptstadt Argentiniens, verflogen wie im Fluge. Wir lernten die Schönheit dieser südamerikanischen Stadt kennen, besuchten das Grabmal der Evita Peron auf einem Friedhof, wie man ihn in Europa nirgends sehen kann, und waren abends in wunderschönen Lokalen zum Steakessen – argentinische Steaks.

Ernst und ich hatten einen Törn gebucht, bei dem wir auch am Anfang nicht ganz sicher waren, was uns erwarten würde. Ich kann abschließend sagen, dass die Santa Maria bestens seemännisch ausgerüstet ist und dass Oswaldo und Oli die ganze Gegend und natürlich auch die Gefahren, die das Wetter in diesen Breiten unzweifelhaft zu bieten hat, bestens kennen. Die Temperaturen liegen natürlich nicht in einem Bereich, den wir vom Mittelmeer kennen. Aber es war um diese Zeit ja Hochsommer und so lagen die Werte zwischen 5 und 15 Grad. Dies ist relativ warm, wenn wenig Wind weht und die Sonne scheint. Wenn aber die Temperatur bei 10 Grad liegt und der Wind mit 25 kn gegenan ist, dann ist das Gefühl, das man auf der Haut spürt, schon ganz schön im Minusbereich. Lange Unterhose, Fleece und Windschutz, sowohl bei der Hose als auch beim Anorak, gefütterte Handschuhe und auch eine ordentliche Haube waren ganz sicher die tägliche Garderobe. Selbstverständlich sind Stiefel ein absoluter Muß, sowohl am Schiff, ganz sicher aber beim Landgang

Trockenen Fußes das Land vom Beiboot aus zu erreichen, ist sicher eine feine Sache beim anschließenden Landgang.

Noch eines darf und muß ich in jedem Fall erwähnen. Wir haben auf der Santa Maria den ganzen Törn lang wie in einem Nobelhotel diniert. Von den bereits erwähnten Centollas über die argentinischen Steaks, verschiedene Arten von Käse und Schinken zum Frühstück, waren Suppe auch bei schlechtem Wetter sowie Nachmittagskaffee und Kuchen an der Tagesordnung.

Für Ernst Aigner und für mich war es ein phantastischer Törn sowie eine unglaubliche Erfahrung, und wir können nur jedem empfehlen, auch einmal eine Segelreise etwas abseits von den üblichen Routen zu planen und dann auch zu machen.

Günther Willjung